Ein Abend voller Erinnerungen, Zeitzeugenberichte und musikalischer Inspiration in der Margarethenkapelle
Am Mittwochabend, dem 30. Juli 2025, war die historische Margarethenkapelle gut gefüllt. Mehr als 60 interessierte Gäste kamen zur offiziellen Vorstellung des dritten Bandes der städtischen Buchreihe „Geschichte & Geschichten“, die sich dieses Mal dem regionalen Handwerk widmet. Der Abend wurde musikalisch umrahmt durch mehrere Beiträge der Geschwister Felix und Clara Müller an Geige und Cello, die dem würdevollen Rahmen zusätzlichen Glanz verliehen.
Bürgermeister Thomas Gedemer hieß alle Geschichtsinteressierten herzlich willkommen und erinnerte daran, dass jeder einzelne Träger von Geschichte sei: „Was könnten Sie, die Besucher heute Abend, alles erzählen mit ihrer ganzen Lebenserfahrung.“ Die Broschüren „Geschichte & Geschichten“ setzen genau hier an – beim Erinnern und Festhalten erlebter Erfahrungen.
Gedemer betonte die Bedeutung der Reihe und verwies auf den Entstehungshintergrund vieler Beiträge: „Bei vielem, was im neuen Heft steht, war der Anfang eine Begegnung bei Jubiläen oder an Geburtstagen.“ Die Mitglieder des ehrenamtlichen Arbeitskreises griffen diese Geschichten auf, um sie für die Nachwelt zu dokumentieren. Er freute sich besonders über die jüngste Verstärkung des Teams: Seit dem 1. Juli 2025 unterstützt der neue Archivar Uwe Schellinger auch die Arbeit des Kreises, vor allem aber pflegt er die Archive von Herbolzheim, Denzlingen, Reute und Vörstetten.
Die neue Ausgabe rückt das Handwerk ins Zentrum der Aufmerksamkeit – ein Thema, das in der Region tiefe Wurzeln hat. „Die Arbeitswelt hat sich in den vergangenen 100 Jahren extrem verändert“, so Gedemer. „Umso schöner finde ich es, dass diese Berufe und Menschen im aktuellen Heft näher beleuchtet werden.“
Einen besonderen historischen Einstieg bietet der Beitrag von Dr. Dieter Schlenker, geborener Herbolzheim und heute Direktor des Archivs der Europäischen Union. Er schildert die Anfänge der Herbolzheimer Zünfte, die sich einst im Gasthaus „Sonne“ gegenüber dem Rathaus trafen. Auch der Blick in die Ortsteile lohnt sich. So wurden in Broggingen bis 1950 ganze 322 Handwerker gezählt – viele davon in Berufen, die heute längst verschwunden oder stark verändert sind.
Es folgten die bewegenden Geschichten der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, deren Erinnerungen das Herzstück des neuen Bandes bilden:
Hannelore und Georg Hochholdinger waren jahrzehntelang das Gesicht des Herbolzheimer Stadtcafés. Mit viel Leidenschaft betrieben sie das Konditorhandwerk – zunächst belächelt, weil sie ausgerechnet in Herbolzheim ein Café eröffneten. Doch der Erfolg gab ihnen recht: Gäste kamen aus der ganzen Umgebung, viele blieben ihnen über Jahre treu. Ihr Sohn erinnerte sich mit Dankbarkeit an die Kindheit im Café: „Es war immer jemand daheim, und es gab immer etwas zu essen.“
Friedhelm Bury berichtete mit großer Begeisterung über seine Arbeit in der mechanischen Küferei Bury in Broggingen – einem heute ausgestorbenen Handwerk in der Region. Mit technischem Detail erklärte er, wie früher „Müüskegel“ geschnitzt wurden, um Astlöcher in Fässern zu verschließen. Besonders stolz ist er auf das Fass Nr. 444, das 1954 gebaut wurde und heute noch bei Mast-Jägermeister in Wolfenbüttel steht – mit einem Volumen von 134 Hektolitern das größte je von Bury gefertigte Fass.
Der 93jährige Karl Ruf, gelernter Uhrmacher- und Optikermeister, beeindruckte das Publikum mit seiner präzisen Fachkenntnis. „Er wäre ein Kandidat für ‚Wetten dass…?‘ gewesen“, so Gedemer, „denn er erkennt Uhrentypen allein am Geräusch des Pendels und der Mechanik.“ Karl Ruf hatte das Glück, seinen Beruf frei wählen zu dürfen – eine Seltenheit in seiner Generation. Die Uhrmacherei allein reichte jedoch wirtschaftlich nicht aus, sodass er auf Anraten seiner Mutter zusätzlich eine Optikerausbildung absolvierte. Noch mit 90 Jahren arbeitete er zweimal pro Woche in seiner Werkstatt – ein Beispiel für lebenslange Leidenschaft.
Walter Winkler, mittlerweile 90 Jahre alt, hatte keine freie Berufswahl – sein Vater bestimmte: „Du wirst Sattler.“ So begann er seine Ausbildung mit dem Kauf eines eigenen Werkzeugkastens. Ironischerweise wurden seine hochwertigen Werkzeuge bald vom Chef und den Kollegen benutzt, weil sie besser waren als die in der Werkstatt. Als die Nachfrage nach handgefertigten Betten und Chaiselonguen zurückging, wechselte Winkler in die Raumaustatter-Branche und stattete Kinos in ganz Deutschland mit Vorhängen und Dekoration aus. Oft wurde noch genäht, während das Premierenpublikum bereits den Saal betrat. In seinen Lehrjahren verdiente er 3 DM/Woche. „Wenn wir Geld sparen wollten, haben wir hinter der Bühne auf den Vorhängen geschlafen“, so Winkler.
Irma Hämmerle, besser bekannt als „S’Becke Irma“, war eine Pionierin: Nach dem frühen Tod ihres Vaters unterstützte sie ihre Mutter in der Bäckerei und legte als erste Frau im Landkreis Emmendingen die Gesellenprüfung ab. Sie heiratete 1950 den Bäcker Josef Dörr. Ihr Sohn Martin Dörr trat später in ihre Fußstapfen und erinnerte sich an die früher verbreiteten „Brotmärkle“. Landwirte brachten ihr Mehl in die Mühle und dann in die Bäckerei – bezahlt wurde dann nur noch der Backlohn und die Märkle. „Aus dem Froster kam bei uns nichts“, sagte Dörr. „Alles wurde frisch gemacht. Zum Abschied 2020 kamen 400 Kunden, um sich persönlich zur verabschieden, denn alle liebten und schätzten die handwerklich hergestellten Leckereien der Bäckerei Dörr. Eine besondere Tradition waren die sogenannten „Brütmeggeli“, die am Abend vor der Hochzeit vom Brautpaar spendiert wurden.
Wolfgang Kirner wusste schon früh, was er werden wollte. Bereits mit 13 bastelte er an elektronischen Geräten. Sein Vater erklärte ihm die Funktionsweise der „Braunschen Röhre“ und weckte seine Begeisterung für Technik. Nach seiner Ausbildung bei Kaiser Radio in Kenzingen war er als Fernsehtechniker bis zum Bodensee unterwegs. Später reparierte er sogar elektronische Kirchenorgeln. Nicht nur Technik, auch Musik gehört zu seiner Welt: Als Dirigent und Arrangeur ist er ebenfalls bekannt.
Nach den Interviews dankte Bürgermeister Gedemer allen, die bereit waren, einen Blick in ihr Leben zu geben und mit Blick auf das Publikum sagte er: „Ich hoffe, wir haben mit den Geschichten Lust auf das neue Heft gemacht.“ Gerade dieses Thema sei so reichhaltig, dass er sich wünsche, ähnliche Projekte auch in anderen Ortsteilen umzusetzen.
Claudia Bühler vom Arbeitskreis Geschichte & Geschichten gewährte Einblick in die ehrenamtliche Arbeit. „Wir gehen immer zu zweit zu den Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, um ihre Geschichten in Ruhe aufzunehmen und für die Nachwelt aufzubereiten.“ Sie dankte allen, die sich geöffnet und ihre persönlichen Erinnerungen geteilt haben.
Zum Abschluss würdigte Bürgermeister Gedemer nochmals das Engagement aller Beteiligten:
„Sie geben mit Ihrer Arbeit nicht nur einen Einblick ins Handwerk, sondern auch in vergangene Zeiten. Die Protagonisten sind die Generation, die unser Land aufgebaut hat. Ich bin dankbar für diesen Austausch und das Eintauchen in unsere Vergangenheit.“
Ein letztes Musikstück der Geschwister Müller rundete den Abend stimmungsvoll ab. Beim anschließenden Umtrunk konnte gemeinsam noch tiefer in die Geschichten und Geschichte eingetaucht werden.
Die Hefte „Geschichte & Geschichten“ sind für 5 Euro erhältlich bei beim Tourismusbüro, in den Bürgerbüros und im Bücherwurm. Auch über den Buchhandel kann das Heft bezogen werden.
(Info: Stadt Herbolzheim)
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Kreis Emmendingen - Herbolzheim
4. Aug 2025 - 21:59 UhrErlebte Geschichte lebendig erzählt: Stadt Herbolzheim stellt Band 3 von „Geschichte und Geschichten“ vor

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