Zeitstifter sind Menschen, die einen Teil ihrer Zeit für das Ehrenamt aufwenden. In Baden-Württemberg sind das fast die Hälfte aller Einwohner. Fast die Hälfte aller Baden-Württemberger engagieren sich für Andere, das ist nicht nur bemerkens- sondern auch ehrenswert.
Der Verein Sozialer Hilfsfonds des Landkreises Emmendingen e.V. jedenfalls war auch der Meinung, dass man ehrenamtliches Engagement ehren, zumindest aber darauf aufmerksam machen und fördern sollte. Aus diesem Grund riefen die Entscheider des Vereins den Zeitstifter-Preis ins Leben und riefen rund 1700 Vereine und Gruppierungen auf, sich mit einem Projekt für den, mit 15000 Euro dotierten Preis zu bewerben.
14 Bewerbungen gingen ein und eine Jury aus Vereinsmitgliedern und Fachleuten entscheiden anhand von vordefinierten Kriterien darüber, welche Gruppierung dem ausgeschriebenen Preis am würdigsten sei. Am Ende blieben zwei Bewerber übrig, deren Bewerbungen so gleichwertig waren, dass man sich kurzerhand entscheid, den Preis zu teilen. Heute Abend gab der Soziale Hilfsfonds e.V. nun im Rahmen eines Festaktes in der Emmendinger Steinhalle die Preisträger bekannt und überreichte Urkunden und Preisgeld.
„Wir haben den Zeitstifter-Preis anlässlich des 15-jährigen Bestehens des sozialen Hilfsfonds im letzten Jahr ins Leben gerufen und Anfang des Jahres 2016 unter dem Motto „Innovativ vernetzt – sozial engagiert“ ausgeschrieben“, erläuterte Michael Kreis, 1. Vorsitzender des Vereins und gab einen kurzen Überblick über die Gründung und die Aufgaben des Hilfsfonds.
Der Hilfsfonds selbst wurde auf Anregung vom früheren Landtagsabgeordneten und Kreisrat Alfred Haas gegründet, da immer mehr Unternehmen des Landkreises eine sinnvolle Verwendung für Geldspenden im Landkreis suchten. Der Hilfsfonds unterstützt Menschen in besonderen Notlagen, bei denen das soziale Netz nicht greift. Es geht also nicht darum, Hilfe zu verdoppeln, sondern dort zu leisten, wo es keine Alternative gibt. Der Verein verfügt außerdem über die umfassendste Datenbank von Hilfsorganisationen im Kreis.
Professor Berthold Dietz, Mitglied der Jury referierte vor den eigentlichen Laudatoren über das Phänomen Glück. In seiner unterhaltsamen Ansprache stellte Dietz fest, dass das Glücksempfinden nicht mit dem Besitz von Konsumgütern gleich zu setzen ist. „Der wahre Reichtum ist Zeit“ erläuterte Professor Dietz. „Zeit für Begegnungen und Anlässe, die Erinnerungen entstehen lassen.“
Die glücklichsten Menschen seien, so hätte eine Studie ergeben, diejenigen, die ihre freie Zeit in gesellschaftliches Leben und Engagement investieren könnten, also Zeit, die man mit Anderen teile.
Verblüffend sei auch, dass Menschen, die sich ehrenamtlich engagierten, statistisch sieben Jahre länger leben würden.
Interessant sei auch, dass sich Menschen, die sich ehrenamtlich engagierten, sich selbst belohnten und damit eigentlich etwas Gutes für sich selbst täten. Trotz dieser Tatsache sei es sinnvoll, das Engagement mit einem Preis zu ehren. Als Anstoß für weiteres Engagement und um die Vorbildfunktion der Preisträger zu nutzen. „Zeitstifter sind Vorbilder und Mahner, die wir brauchen!“, zog Professor Dietz das Fazit aus seinen Ausführungen und erntete lang anhaltenden Applaus.
Als erste Laudatorin sprach die Bürgermeisterin der Gemeinde Freiamt, Hannelore Reinbold-Mench und hob ihrerseits die Bedeutung des Ehrenamtes heraus. „Eine Gemeinde wie Freiamt könnte ohne Ehrenamt gar nicht funktionieren“, ist sich Reinbold-Mench sicher.
Danach lenkte sie den Fokus auf die zu ehrende Organisation. „Das sind Menschen, die anpacken, ein wohltuender Gegenpol zur, immer egoistischer werdenden Gesellschaft. Reinbold-Mench überreichte die Urkunde an die Vertreterinnen des Vereins Zarok e.V. aus Lenzingen, einem Verein, der sich auf Flüchtlingskinder in Syrien und dem Nordirak konzentriert.
Ines Heiny hielt die Laudatio für den zweiten Preisträger, die Herbolzheimer Vereinigung „KummRi“.
„KummRi“ ist ein Zusammenschluss von Herbolzheimern, die in einem ehemaligen Einzelhandelsgeschäft eine Begegnungsstätte für Flüchtlinge und Einheimische eingerichtet hat.
Heiny gestaltete ihre Laudatio in einem Teil als Interview mit dem Initiator von KummRi, Matthias Sommer. Der erzählte die Entstehung und den Zweck von KummRi.
„Das ist gelebte Integration“ beschrieb Laudatorin Heiny das Projekt. KummRi ist eigenfinanziert und hat dadurch den Vorteil, ihre Angebote flexibel an den Bedarf anzupassen.
Aus Fremden und Einheimischen sei in der Zeit, in der KummRi besteht inzwischen eine Gemeinschaft aus 100 bis 120 Personen entstanden.
Zum Ende der Feierstunde, die vom Chor Soulvation unter der Leitung von Angela Mink mit einigen Stücken aufgelockert wurde, dankte Meinrad Schamotzki, der 2. Vorsitzende des Sozialen Hilfsfonds, den teilnehmenden Organisationen, den Sponsoren und Helfern für ihr Engagement und beschloss den offiziellen Teil des Abends.
Der nächste Zeitstifter-Preis wird 2018 vergeben.
Die Preisträger:
Zarok e.V.
ZAROK bedeutet auf kurdisch „Kinder“ und weist explizit darauf hin, dass unsere Hilfe besonders auf die Bedürfnisse der Flüchtlingskinder ausgerichtet ist.
Die bestürzende Lage der Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak, die vor den Übergriffen des IS im August 2014 in der autonomen Region Kurdistan Zuflucht gesucht haben, veranlasste die bei Freiburg lebende und arbeitende Zeynep Akay, spontan eine Hilfsaktion ins Leben zu rufen. Sie bat um Sachspenden und Unterstützung für die unter schlimmsten Bedingungen lebenden Menschen in den Flüchtlingslagern im Nordirak.
Allein in Zaxo waren zum damaligen Zeitpunkt 170.000 Flüchtlinge in Lagern untergebracht, in der gesamten Region Nordirak lebten insgesamt 1,4 Millionen Flüchtlinge. Wer in einem der Lager keine Zuflucht fand, richtete sich provisorisch in Rohbauten ein.
Einzelpersonen, Kindergärten, Schulklassen, Gewerkschaften, Firmen, Vereine und Kirchengemeinden schlossen sich an und sammelten Sach- und Geldspenden, so dass Zeynep Akay Anfang Januar 2015 einen LKW mit Hilfsgütern in den Nordirak/ Zaxo bringen und sich selbst ein Bild von der Situation vor Ort machen konnte.
Die Situation in den Lagern stellte sich als noch prekärer heraus, die Versorgung mit Wasser und Strom war nicht ausreichend gesichert. Die hygienischen Zustände waren katastrophal. Die Sachspenden wurden von den Flüchtlingen sehr dankbar angenommen, waren jedoch angesichts des Ausmaßes der Not nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
Nach ihrer Rückkehr war klar, dass weitere Hilfsaktionen folgen müssen.
Zeynep Akay berichtete ausführlich über ihre Erfahrungen, die regionalen Medien zeigten reges Interesse an der Aktion.
Immer mehr Einzelpersonen und Gruppen aus der Region engagierten sich bei einer zweiten Spendensammlung im Frühjahr 2015.
Bis zu sechzig ehrenamtliche Helferinnen und Helfer sortierten Bekleidung, Spielsachen, Hygieneartikel und medizinische Hilfsmittel in wochenlanger gemeinsamer Arbeit. Anschließend wurden sechs LKWs mit insgesamt 51 Tonnen Hilfsgütern beladen und auf die rund 5.000 km lange Reise geschickt.
Vielen Helferinnen und Helfern ist es ein Bedürfnis, weiterhin zu unterstützen und vor allem den Flüchtlingskindern in den dortigen Lagern Zukunftsperspektiven und Bildungsmöglichkeiten zu eröffnen. Daraus entstand die Idee, einen gemeinnützigen Verein für dauerhafte Hilfe zu gründen.
Inzwischen ist Zarok (Kinder) ein eingetragener Verein und als gemeinnützig anerkannt. Seit Mitte des Jahres 2015 sind Grenzübertritte von der Türkei in den Irak fast unmöglich geworden, es gibt keine Hilfskorridore für Transporte mehr.
Deshalb sammelt Zarok (Kinder) e. V. seit Monaten Geldspenden.
Neben der Akuthilfe ist es Zarok e.V. ein Anliegen, den Menschen und vor allem den Kindern Perspektiven zu eröffnen und sich am Wiederaubau in der autonomen kurdischen Region im Nordirak zu beteiligen.
(Auszug von der Homepage des Vereins)
Kumm Ri! - Komm(t) rein! Come in!
Wer wir sind:
Wir sind eine, Gruppe von ehrenamtlichen Bürgern der Stadt Herbolzheim und unterstützen in unserem Treffpunkt die Integration von geflüchteten Menschen. Hier treffen sich Flüchtlinge aus verschiedenen Ländern und Kulturen mit einheimischen Bürgern. Sie tauschen sich über ihre Schicksale und Fluchterfahrungen aus und helfen sich gegenseitig, sich in Deutschland
zurecht zu finden. Wir bieten Raum für solche Begegnungen und einen Austausch der Kulturen, um Vorurteile abzubauen.
Unsere Ziele:
Wir wollen aktiv zur Integration der hier lebenden Flüchtlinge beitragen. Wir wollen viele Menschen dafür gewinnen, individuelle Programme gemeinsam mit den hier wohnenden Flüchtlingen zu entwickeln und diese Programme immer wieder den Bedürfnissen der Beteiligten anzupassen.i
Dafür richten wir regelmäßig betreute Öffnungszeiten der Räume ein.
Unsere Angebote:
Aufklärung über Grundzüge des Rechts, der Geschiche und der Religionen in Deutschland und besonders der Traditionen in Schule, Beruf und Öffentlichkeit.
Gezielte Sprachförderung, Hilfe bei bürokratischen Abläufen
Erleichterungen bei der Integration in den Arbeitsmarkt, in Kindergärten, Schulen und Vereinen. 1
Freizeitgestaltung, z.B. Spielrunden, Ausflüge und Wanderungen.
(aus dem Flyer von „KummRi“)
Titelseite » Verbraucher / Wirtschaft » Textmeldung
Kreis Emmendingen - Emmendingen
27. Oct 2016 - 00:40 UhrErster Zeitstifter-Preis steht im Zeichen der Flüchtlingshilfe – Sozialer Hilfsfonds des Landkreises Emmendingen vergibt Preis für ehrenamtliches Engagement

Zeitstifter-Preis in Emmendingen vergeben
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