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Stadtkreis Freiburg - Freiburg

12. Sep 2018 - 15:06 Uhr

Kleine Sprachen müssen kämpfen - Michael Rießler (Leiter der Forschungsgruppe für Samische Studien an der Universität Freiburg) erläutert, warum auch Nischensprachen mit nur wenigen hundert Sprechern schützenswert sind

Kleine Sprachen müssen kämpfen - Michael Rießler (Leiter der Forschungsgruppe für Samische Studien an der Universität Freiburg) erläutert, warum auch Nischensprachen mit nur wenigen hundert Sprechern schützenswert sind

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Seit 2001 wird auf Initiative des Europarats der Europäische Tag der Sprachen jedes Jahr am 26. September gefeiert. Der Tag soll auf die kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung des Fremdsprachenlernens und die sprachliche Vielfalt in Europa aufmerksam machen. Dr. Michael Rießler, Leiter der Forschungsgruppe für Samische Studien an der Universität Freiburg, interessiert sich für vom Aussterben bedrohte Sprachen. „Vor allem kleinere Sprachen müssen in Zeiten der Globalisierung darum kämpfen, mit den größeren mithalten zu können“, sagt Rießler. So müsse beispielsweise Estnisch, obwohl es eine Nationalsprache sei, mehr dafür tun, erhalten zu bleiben als die größeren Sprachen der Europäischen Union.

Neben den offensichtlichen kulturellen und wirtschaftlichen Vorteilen des Fremdsprachenlernens, gebe es weitere Gründe, Nischensprachen zu schützen: „Dazu gehört die persönliche Integrität der Sprecherin oder des Sprechers. Es ist ein Menschenrecht, seine Identität auch sprachlich ausleben zu können, selbst wenn die Sprache nur von 300 anderen Personen gesprochen wird“, betont Rießler. Die meisten Menschen würden ihre Sprache nicht freiwillig aufgeben. Schuld daran seien häufig wirtschaftliche oder politische Gründe, die zur Marginalisierung und Stigmatisierung führten. Auch volkswirtschaftlich könnte sich das Wiederbeleben oder Erhalten kleinerer Sprachen lohnen. „Wenn ländliche Gebiete nicht entsiedelt werden, könnte das ein wichtiger ökonomischer Faktor sein.“ Der Schutz von Kultur und Sprachen böte den Mitgliedern von Minderheiten Anreize dazu, die Heimat nicht aufzugeben. Hinzu käme die intellektuelle Entwicklung von Kindern. „Kinder, die mehrsprachig aufwachsen, haben häufig kognitive Vorteile.“

In der Welt gebe es rund 7.000 Sprachen, die meisten davon seien kleine Sprachen. Isländisch beispielsweise werde aktuell nur von 300.000 Menschen gesprochen, Färöisch nur von 65.000. Je mehr Sprecher es von einer Sprache gebe, desto besser. Jedoch sei die Anzahl nicht das Wichtigste: „Sprachkontakt ist universell, es gibt keine Sprache, die isoliert entstanden ist. Entscheidend ist vielmehr das soziale Umfeld, das anstelle von Sprachverdrängung Mehrsprachigkeit zulässt.“

Als gefährdet gelten unter anderem die samischen Sprachen, die in einigen Regionen Finnlands, Norwegens, Schwedens und Russlands beheimatet seien. „Etwa 20.000 Menschen sprechen noch die größte samische Sprache, Nordsamisch. Bei den anderen sind es manchmal nur wenige hundert Personen.“ Untereinander seien die samischen Sprachen miteinander verwandt und teilweise verständlich wie Dialekte. „Vom Finnischen unterscheidet sich das Samische allerdings fast so sehr wie das Deutsche vom Französischen.“ Der Stellenwert der verschiedenen samischen Sprachen in den nordischen Ländern sei marginal, obwohl sie unter offiziellem Schutz stehen. „Nord-, Lule-, Süd-, Inari- und Skoltsamisch würden momentan zwar nicht aussterben, aber dieser Zustand ist recht instabil. Nur sehr wenige Kinder lernen diese Sprachen heute noch als Muttersprache.“

Erfreulich sei, dass in einigen Regionen die „sprachliche Revitalisierung“ zu funktionieren scheine. „Tatsächlich gibt es einige wenige regionale Kindergärten und Grundschulen in denen Kinder heute erfolgreich auf Samisch unterrichtet werden.“

Dr. Michael Rießler ist seit 2013 Leiter der Forschungsgruppe für Samische Studien am Skandinavischen Seminar der Albert-Ludwigs-Universität und war 2017 Fellow am Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS). Aktuell vertritt er die Professur für Allgemeine Sprachwissenschaft an der Universität Bielefeld.

(Presseinfo: Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, 12.09.2018)


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